VEREINTE PLURALITÄT
Brian Lee, SOM hat die weltweite Architektur in einem großen Teil des 20. Jahrhunderts und bis heute mitgeprägt. Wie würden Sie das Selbstverständnis und die Philosophie des Büros seit seinen Anfängen und heute beschreiben?
Die ursprünglichen Gründer von SOM, Louis Skidmore, Nathaniel Owings und John Merrill, beschäftigten sich mit den aktuellen Themen ihrer Zeit. Zur Mitte des Jahrhunderts war SOM in der Lage, zur Expansion der amerikanischen unternehmens- und entwicklerorientierten Märkte durch eine erfolgreiche Abstimmung auf die Organisationsstruktur, wirtschaftlichen Ziele und den Geist der Bauherren beizutragen. SOM richtete sein Augenmerk auf Technologie und darauf, die Problemstellung des Bauherrn als Schlüsselelement einer Gestaltungsphilosophie der Moderne zu verstehen. Selbstverständlich hat das Wachstum von SOM auf Möglichkeiten in geografischen und funktionalen Märkten reagiert, aber es ist auch Folge der Fähigkeit des Büros, dem besten Talent die Mittel und Freiheiten zu geben, um diese Möglichkeiten aufzugreifen. Wir haben unsere Gründungspartner oft darüber Witze machen hören, dass der einzige Grund für die Gründung regionaler Büros in den Anfangsjahren der war, sich nicht gegenseitig umzubringen. Das mag zum Teil stimmen, aber es ging auch um die Einsicht, dass es eine Pluralität der Designphilosophien geben kann und dass sich unterschiedliche Führungsstile durch den gemeinsamen Glauben an Exzellenz vereinen lassen. Ich weiß, dass meine Partner und ich diese gemeinsame Mission fortführen. Sicherlich schließt unser Gesamtwerk auch weniger erfolgreiche Gebäude und schwache Ideen ein, aber ich bin überzeugt, dass es einen roten Faden überzeugender Gebäude und Konzepte gibt, die für eine Geschichte herausragender Leistungen durch das Büro sprechen.
In der öffentlichen Wahrnehmung hat das Auftreten als ein Unternehmen mit gleichbleibendem Namen anstelle einer Gruppe wechselnder Personen SOM eine relativ stabile Identität verliehen. Anderseits wird die Architekturwelt heute von starken Persönlichkeiten und „Stars“ dominiert. Wie gehen Sie mit dieser Entwicklung um? Wie beurteilen Sie die Bedeutung eines bestimmten „Stils“?
Selbstverständlich treiben Persönlichkeiten die Anerkennung in den Medien voran. Für einen Journalisten ist es wahrscheinlich unglaublich schwer, kein menschlich-individuelles Interesse in eine Story einzubinden. Aber die meisten von uns versuchen, sich um individuelle Selbstdarstellung keine Gedanken zu machen, da wir als Team arbeiten und es eigennützig auf Kosten anderer wäre, so zu handeln. Ich denke, unsere Bauherren erkennen, dass SOM vielmehr ein besonderes Team-Büro „wechselnder Einzelpersonen“ ist. Momentan führe ich mehrere Designteams und arbeite zusammen mit unserem führenden Planer, Phil Enquist, und unserem Chefstatiker, Bill Baker, die in ihren Bereichen angesehene Führungskräfte sind und sehr große Teams leiten. Selbstverständlich muss jemand die kreative Richtung vorgeben, neue Ideen anregen, muss oft Entscheidungen herbeiführen und letztendlich Entwurfsentscheidungen treffen, ehe das Geld ausgeht. Diesbezüglich habe ich Glück, aber jeder beteiligt sich an diesem kreativen Prozess und trägt dazu bei. Eine Weile habe ich unter Chuck Bassett gearbeitet, der für Eero Saarinen tätig war, ehe er nach San Francisco ging, wo er ein sehr angesehener Design-Partner von SOM wurde. Seine Arbeit hatte keinen erkennbaren Stil und es ging ihm weniger um Dogma und Durchgängigkeit als um die Schaffung interessanter und intelligenter Gebäude, die die gestellten Aufgaben in einer eleganten und kunstvollen Art lösten. Er war äußerst kreativ, schätzte Kunst und Geschichte, bekannte sich zu Technologie und Konstruktion und beschäftigte sich mit dem menschlichen Aspekt bei der Nutzung seiner Gebäude.
SOM plant häufig sehr große Projekte, das Arbeitsfeld ist sehr international ausgerichtet. Wie ist die interne Bürostruktur an diese Aufgaben angepasst? Worin liegt der Anreiz für junge Architekten, einer solchen Struktur beizutreten – was ja auch bedeutet, die Furcht zu überwinden, von einem Unternehmen dieser Größe geschluckt zu werden?
Unsere Arbeit ist sicherlich global – unsere Büros verfolgen und entwerfen Projekte in der ganzen Welt. Das schafft ein aufregendes Umfeld, das kulturelle und regionale Unterschiede kultiviert und gleichzeitig eine sichere Grundlage bietet, um sorgfältige fortgesetzte Untersuchungen von Städten, Hochhäusern, aufwändigen Projekten mit Mischnutzung und speziellen Typologien wie zum Beispiel im Bereich Wissenschaft und Gesundheitswesen zu betreiben. Unsere Hauptbüros in Chicago, New York und San Francisco – wo ich fast 29 Jahre gearbeitet habe, bevor ich nach Chicago gewechselt bin – sind mittelgroße Organisationsstrukturen, die eine kreative Selbständigkeit, aber eine gemeinsame Unternehmensstruktur besitzen. Jedes Büro hat eine etwas andere Disposition, aber alle drei basieren auf Leistungsorientierung, die es dem Nachwuchs ermöglicht, sich zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen. Ich glaube, die Ressourcen des Unternehmens, das kollektive Wissen und die kreative Energie unserer Mitarbeiter schaffen ein ausgesprochen fruchtbares Umfeld für Lernprozesse, Entdeckungen und Innovationen. Wir sind uns bewusst, dass wir das Unternehmen am besten weiterentwickeln, indem wir in seine Ressourcen investieren. Natürlich bedeutet das Investitionen in die neueste Hardware, Software und Ausstattung, aber es bedeutet auch Forschung als Teil unserer Betriebskosten. Wir haben zum Beispiel eine „Black Box“-Gruppe, die aus Fachleuten für Parametric Modeling, Scripting und digitale Visualisierung besteht. Wir sind in der glücklichen Lage, in vielen funktionierenden Märkten Vordenker zu haben, die die gesamte Arbeit mit Informationen versorgen. Bisweilen liegen Effizienz und größeres Leistungsvermögen in größeren Organisationen.
Sie haben spezialisierte Teams erwähnt. Die Verbindungen zwischen Architektur und anderen kreativen und wissenschaftlichen Disziplinen gewinnen zunehmend an Bedeutung. Inwieweit integrieren Sie Interdisziplinarität und weitere wissenschaftliche Forschung in Ihre Arbeit, um auf wachsende kulturelle und technologische Komplexitäten, aber auch auf neue Themen wie etwa Nachhaltigkeit zu reagieren?
Wir arbeiten gemeinschaftlich und haben einen interdisziplinären Ansatz immer geschätzt. Die Namensgeber – Skidmore, Owings und Merrill – waren wörtlich genommen Designer, Manager und Ingenieur. Zuallererst stellt eine gemeinsame Philosophie innerhalb des Büros sicher, dass Ideen sich nicht an Grenzen von Disziplinen orientieren und nicht substanzlos sind. Alle unsere Tätigkeiten werden interdisziplinären Teams übertragen. In der Tat verfolgt das Büro in Chicago nur Projekte, bei denen wir in der Lage sind, den Architektur- und den Ingenieursbereich zu leiten. Momentan haben wir mit das beste technische Fachwissen weltweit, und unsere Arbeit ist informierter und effektiver, wenn wir zusammenarbeiten. Um es klar zu sagen: Wenn wir diese Kompetenzzentren nicht firmenintern hätten, würden wir nicht auf unsere eigenen Teams bestehen, sondern die besten Fachleute außerhalb unseres Büros suchen. Zweitens sind wir uns bewusst, dass räumliche Nähe für den gestalterischen Prozess sehr wichtig ist. Unser Arbeitsbereich im Chicagoer Büro konzentriert sich um ein Atrium, wo jeder jeden sehen kann, so dass es viele Möglichkeiten gibt, über Projekte nachzudenken und diese zu diskutieren, in formellen Besprechungen oder informell im Vorübergehen – eine effektive Lösung für Interaktion und Zusammenarbeit. Unsere Arbeit ist ihrem Charakter nach eine High-Performance-Architektur, die von Bautechnik und Gebäudesystemtechnik unterstützt wird. Wir haben ein Team für Nachhaltigkeit und glauben, dass das Interesse am Thema Leistung und Betriebsverhalten heute ein entscheidendes Anliegen ist, aber wir verstehen Nachhaltigkeit nicht als eine neue Thematik. SOM hat bereits seit den 50er-Jahren, angefangen mit den Warren Petroleum Headquarters, nachhaltiges Design in Projekten berücksichtigt. Die Gründächer der Weyerhaeuser Corporate Headquarters von 1971 und die Open-Air-Zeltstrukturen des Hajj Terminals am King Abdul Aziz International Airport von 1981 wurden beispielsweise beide vom American Institute of Architects AIA mit dem Twenty-Five Year Award für nachhaltige, zeitlose Architektur ausgezeichnet. Unsere Teams für städtebauliche Gestaltung und Planung, das Innenarchitekturbüro und das Grafikstudio tragen alle in ähnlicher Weise zur Konstruktion innerhalb des umfassenden Entwurfsprozesses bei. Zudem fördern wir Verbindungen zu zahlreichen externen Einrichtungen, um deren Fachwissen und Erfahrung in unsere Arbeit einzubringen. Wir arbeiten gern mit Künstlern, um Problemstellungen aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Traditionell sind Hersteller und Bauunternehmen Partner unseres Büros bei der Entwicklung neuer Materialien und Methoden. In letzter Zeit hat SOM auch Beziehungen zu universitären Programmen wie dem Rensselaer CASE, dem Center for the Built Environment in Berkeley und dem Materials Science and Engineering Program der Northwestern University aufgebaut, um mit deren Studenten, Forschern und Wissenschaftlern zusammenzuarbeiten.
Viele Entwürfe von SOM zählen zur so genannten Corporate Architecture. Inwieweit haben sich die Erwartungen der Bauherren heute verändert, insbesondere nach der Wirtschaftskrise? Wie schätzen Sie die künftige Bedeutung des Ikonografischen, aber auch einfach von Gebäudehöhe ein?
Unternehmen heute haben sich abhängig von den Anliegen und Einstellungen ihrer Zeit entwickelt. Das wirtschaftliche Klima hat die Unternehmen veranlasst, ihre Bauprogramme und ihren Immobilienbesitz neu zu bewerten. Einige bauen noch immer, andere schrumpfen und verlagern. Ein Verantwortungsbewusstsein gegenüber Aktionären und die Notwendigkeit, Ressourcen zu schonen, hat die Bedeutung von Effizienz, Leistung, Nachhaltigkeit und Wertigkeit gesteigert. Selbst bei angespannten Märkten und verminderten Erwartungen besteht immer noch ein Interesse an einem einprägsamen Entwurf, der eine Aussage darstellt. Wir betrachten ein Wahrzeichen oder ein ikonisches Design als etwas, das eine dramatische Aussage in seinem Kontext abgibt, als wagemutige Form, als innovative Technologie, als geschickte Umsetzung des Programms und als etwas, das eine poetische Qualität besitzt, die das Gewöhnliche übersteigt. Wird es weiterhin Bauherren geben, die einfach nach dem höchsten Gebäude der Welt verlangen? Ja.
Wie gehen Sie mit kulturellen Unterschieden bei der Bearbeitung Ihrer weltweit verteilten Projekte um, bei denen sie wahrscheinlich zumeist unter enormem Zeitdruck stehen? Inwieweit ist etwa westliches Fachwissen im Städtebau auf Stadtplanung in Asien übertragbar? Sehen Sie noch Möglichkeiten für eine gezielte, regionale Architektur, sofern es um solche „globalisierten“ Projekte geht?
Ich bin oft erschreckt über die Monotonie nachgeahmter Formen, Ausdrucksweisen und der Materialverwendung. Es ist beängstigend, riesige neue Viertel mit mittelmäßigen Strukturen zu sehen, die überall auf der Welt entstehen könnten. Wir zweifeln die fehlgeleitete Übernahme westlicher Praktiken an – die unnötige Zerstörung von Grünzonen, das Entstehen von Gated Communities, die wachsende Abhängigkeit vom eigenen Auto. Ich finde es jedoch ermutigend zu sehen, dass es eine schnell wachsende Generation aufgeklärter Planer, Eigentümer und politischer Entscheider gibt, die bestrebt sind, ihre eigene kulturspezifische Vision zu entwickeln. Es gibt zahlreiche sehr anspruchsvolle, sensible und kulturell einzigartige Projekte, die in China, Indien und in ganz Südostasien entworfen und gebaut werden. In ähnlicher Weise streben wir eine Differenzierung an, die eine „globalisierte Universalarchitektur“ vermeidet. Wir bereisen und erkunden die Welt, um unsere kulturellen Unterschiede zu erleben. Wir betrachten unsere Arbeit als einen Kommentar zu diesen Unterschieden. Nebenbei bemerkt verleiht SOM seit 1985 ein Reise-Stipendium, das Architekturstudenten dabei unterstützt, ein besseres Verständnis für diese Welt zu entwickeln, es intellektuell umzusetzen und auszubauen, bevor sie ins Berufsleben einsteigen. Ich bin stolz darauf, dass wir Preise auch an Studenten aus China verliehen haben, die nicht nur ihr Talent und ihre Fähigkeit als Architekten bewiesen haben, sondern auch im Hinblick auf einzigartiges Design, Materialverwendung oder das Interesse an Konstruktion Hoffnungen wecken. Wir halten sie für die zukünftigen führenden Persönlichkeiten in ihrer Region.
Mit Blick auf Projekte wie beispielsweise den Burj Khalifa in Dubai oder riesige Masterpläne in China könnte man sich vorstellen, dass der eigentliche Entwurfsprozess nur einen kleinen Teil Ihrer Arbeit ausmacht. Müssen Architekten in diesem Sinne vor allem Diplomaten und Politiker sein?
Wir betrachten uns selbst als Architekten und Ingenieure, die sich mit Ideen befassen, die sich klar eines Themas annehmen, echte Probleme lösen und Werte schaffen. Es ist hilfreich, dabei alle verfügbaren diplomatischen und politischen Fähigkeiten zu nutzen, um andere von unseren Ideen zu überzeugen. Trotzdem sind wir letztlich der Meinung, dass der Inhalt Verkaufstüchtigkeit und Politik übertrumpft. Manchmal liegen wir falsch und verlieren, aber wenigstens haben wir das Gefühl, ehrenhaft gehandelt zu haben.
Brauchen wir eine neue Vision der Stadt? Inwieweit kann der Architekt noch dazu beitragen, die Zukunft unserer Städte nicht nur formal, sondern sozial wirksam zu prägen?
Neue Visionen der Stadt entstehen gegenwärtig überall auf der Welt. China erlebt derzeit einen phänomenalen Wandel. Durch das Wachstum übersteigt die Einwohnerzahl in bald 200 Städten die Millionenmarke, und fast die Hälfte der Bevölkerung lebt in Städten. Unglaubliche Mittel werden in die Infrastruktur investiert. Wird in der dortigen politischen Struktur die Vision von neuen Verkehrsnetzen, besserem Wohnungsbau, effizienteren Arbeitsplätzen, modernisierten Gesundheitseinrichtungen, leistungsfähigen Bildungseinrichtungen und erreichbaren Kulturzentren in eine humanere Umwelt integriert werden? Einige Städte in den USA schrumpfen sogar, und neue Planungen fordern den Abriss von Stadtvierteln, die Verdichtung kleinerer Gebiete und die Rückverwandlung in Freiflächen – manchmal ohne die Lebensfähigkeit der gesamten Sozialstruktur zu bedenken. Wird eine dieser Visionen die Probleme der sozialen Ungerechtigkeit, Armut oder Kriminalität lösen? Zuweilen sind wir besorgt, dass wir den sozialen Wandel nicht beeinflussen können, aber das Potential ist letztendlich zu bedeutend, als dass wir uns nicht selbst einbringen oder eine dieser Möglichkeiten aufgreifen sollten. Als Architekten können wir bei der Realisierung der gebauten Umwelt mitreden, indem wir entscheiden, woran wir arbeiten und für wen. Ich halte es für unsere berufliche Verpflichtung, keinen Schaden anzurichten, und für unsere moralische Verpflichtung, verantwortungsvolle Arbeit als Dienst an der Gesellschaft zu leisten. Ich habe gehört, dass Präsident Obama gern Architekt geworden wäre, wenn er nicht in die Politik gegangen wäre.
Brian Lee, geboren 1954, studierte Architektur an der University of California, Berkeley, und der Harvard University Graduate School of Design. Nach 28 Jahren in der Niederlassung von Skidmore, Owings & Merrill LLP (SOM) in San Francisco ist er heute Senior Design Partner im SOM-Büro in Chicago. Lee ist für zahlreiche, mehrfach ausgezeichnete Projekte in den USA und außerhalb verantwortlich; seine Arbeit wurde auf der Architekturbiennale in Venedig 2004 sowie beim 2008 World Architecture Festival in Barcelona präsentiert. SOM ging aus einer Bürogründung von Louis Skidmore und Nathaniel Owings 1936 hervor, drei Jahre später stieß John Merrill hinzu.
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