STRATEGISCHE INFRAGESTELLUNG

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Ralf F. Broekman und Olaf Winkler im Gespräch mit Arno Brandlhuber
 
Arno Brandlhuber, Deine Entwürfe folgen weder dem Primat einer dominanten Form noch einer klassischen Vorstellung von Funktionalität, die sich unmittelbar aus der Kernnutzung einzelner Teilbereiche wie des Gesamten ableiten würde. Zu einem gewissen Grade ließe sich vielmehr von einer Selbstgenerierung von Figur und Raum sprechen. Wie würdest Du Deine grundsätzlichen Arbeits- und Entwurfsstrategien beschreiben?
Wir haben ja schon einige Male über das Verhältnis von Prozess und Ergebnis architektonischen Handelns gesprochen. „Hyperkontextuell“ wäre eines der Stichwörter. Gemeint ist, dass bauliche Situationen die Informationen zu ihrer räumlichen Entwicklung, zu ihrer weiteren Nutzung zumeist in sich tragen. Das können Außenbedingungen ebenso wie innere Anforderungen sein – „Bindungen“, wie Ungers diese projektgenerierenden Faktoren in seinen Wochenaufgaben an der TU Berlin nannte. Konkrete äußere Bedingungen, wie beispielsweise räumliche Informationen benachbarter Bebauungen, Belichtungssituationen oder akustische Profile, können relativ einfach beschrieben werden. Soziale Aspekte, Fragen nach der Wechselwirkung zwischen Nutzung und Ökonomie bedürfen der Untersuchung, bevor sie hinreichend präzise als Bedingungen benannt werden können. Es gibt auch keinen abschließenden Katalog möglicher Bedingungen, so dass jeweils spezifische Faktoren zuerst erschlossen werden müssen. Die Beschreibung dieser Kontexte ist bereits Projekt, zumal wenn Abhängigkeiten untereinander dynamisch verhandelt, einfache Hierarchisierungen vermieden werden. Zu spezifischen Situationen können also so lange Informationen angereichert werden, bis Projekte „zwingend“ sind bzw. werden. Und gelegentlich macht es auch einfach Vergnügen, unerwartete Kurzschlüsse herzustellen. Diese inkludierende Methode versuchen wir durch typologische Recherchen zu erweitern. Dabei interessieren uns modellhafte Lösungen zu generellen Fragestellungen im Sinne einer optimalen Ermöglichung. Unsere „Zwei-Ebenen-Vier-Richtungen-Module“ zum Beispiel sind Ergebnis einer Auseinandersetzung um die Frage, wie die Nutzungen Wohnen und Arbeiten idealtypisch verbunden werden können.

Angewandt auf das Projekt Brunnenstraße, das zuletzt international Aufsehen erregt hat: Was waren die konkreten Zielsetzungen, die Kriterien für die Entscheidung für das Projekt sowie für seine Entwicklung?
Die Ausgangssituation war eine Investorenruine aus den 90er-Jahren. Der Keller mit Aufzugsschacht in Ortbeton war fertig gestellt und zu zwei Dritteln mit einer Decke geschlossen, im Übrigen handelte es sich um eine straßenseitige Baulücke zwischen zwei Altbauten leicht unterschiedlicher Höhe und stark unterschiedlicher Gebäudetiefe. Dahinter lag ein Altbau in Privateigentum, durchgängig als Künstlerateliers genutzt, deren Förderung durch den Senat auslief, und dazwischen eine weitere kleinere Bauruine, im Rohbau bis zum dritten Geschoss fertig gestellt. Dieser „halbfertige“ Zustand, räumlich und zeitlich, hat unser Interesse geweckt. Zunächst ging es um kleine bauliche und technische Ergänzungen, die schlicht die Nutzung der vorhandenen Rohbauvolumen ermöglichen sollten. Mit dem Eigentümer haben wir uns dann zum einen darauf verständigt, den straßenseitigen Teil zu erwerben und ihm damit die Fertigstellung der kleineren Bauruine mitzufinanzieren. Zum anderen haben wir mit Blick auf die Belichtung der hinteren Gebäude im Kaufvertrag vereinbart, unseren Bau in der Höhe zu beschränken, einer imaginären Linie folgend zwischen dem Giebel der Bebauung auf der gegenüberliegenden Straßenseite und den Fensterbänken im ersten Obergeschoss der rückwärtigen Ateliers. Aus diesen Außenbedingungen konnten dann leicht nachvollziehbar die weiteren Entscheidungen abgeleitet werden: Der bestehende, wegen der Nachbarunterfangungen aufwendige Keller wird weiterverwendet, so dass der kostenintensive Bereich bereits fertig gestellt ist und als „Eigenanteil“ die Bankfinanzierung sichern kann. Der Grundriss und die Lage des Aufzugs sind somit fixiert. Die sich in die unterschiedlichen Bebauungstiefen der Nachbargebäude einschmiegende Außentreppe hält die Geschossflächen von Erschließungsanteilen frei, schlicht weil sie außen liegt. Und sie reicht aus, weil der Abstand von fünf Metern zur Fassade den Anforderungen an einen sicheren Rettungsweg genügt. Eine Determinierung der Grundrisse durch ein innenliegendes Treppenhaus wird also vermieden, stattdessen eine halböffentliche Verbindung der Außenflächen gewonnen. Die weiteren Geschosshöhen orientieren sich an den jeweiligen Nachbarhöhen und die so entstehende Faltung der Geschossdecken bildet auch das Tragwerk der Außenerschließung.

Welche Rolle spielt der Aspekt einer besonders kostengünstigen Errichtung des Gebäudes, der wiederum mit der Materialität und konkreten Konstruktion ebenso wie mit den dahinter stehenden Strategien zusammenhängt?
Man kann es so formulieren: Halbe Erstellungskosten gleich halbe Miete, aber auch gleich halber Energieaufwand für die Erwirtschaftung der Finanzmittel. Außerdem war es in einer Umgebung gemischter Nutzung und niedriger Mieten aus nachvollziehbaren Gründen nahe liegend, auch diese Bedingungen im eigenen Programm fortzuschreiben. Wenn ein fremdfinanzierter Neubau einem niedrigen Mietniveau genügen soll, muss er aber zwingend deutlich weniger kosten. Ein nutzbarer Rohbau unter Verzicht weiterer Boden-, Wand- und Deckenoberflächen bedingt die ganze Kette weiterer baulicher Konkretisierungen, kontinuierlich verbunden mit einer strategischen Infragestellung der üblichen Standards. Das bedeutet etwa im Bereich der technischen Infrastruktur eine strikte Beschränkung auf nur einen einzigen vertikalen Versorgungsschacht, und es reicht bis hin zu einer offenen ungedämmten Leitungsführung der Heizungsrohre. Der Materialeinsatz muss im Hinblick auf Quantität und Kosten minimiert werden. In den Fassaden kommen zum Beispiel großflächig sehr kostengünstige transluzente Mehrfachstegplatten aus dem Industriebau zum Einsatz, die mit guten Wärmedämmeigenschaften solare Wärmegewinne ermöglichen. Der Gewinn ist ein weitgehend nutzungsneutrales, niedrig determiniertes, also aneignungsoffenes bauliches Volumen, das sich jeweils mit der Agenda der Nutzer verbinden kann. Der Gewinn besteht aber auch in der Möglichkeit, eine produktive Hausgemeinschaft zu bilden, deren Ziel eben nicht die Refinanzierung höherer Mieten sein muss.

Würdest Du in Bezug auf Deine Entwurfshaltung von einer Anti-Ikonografie sprechen? Welche Bedeutung hat das architektonische „Bild“, in Bezug auf Lesbarkeit, Identität, Setzung?
Vor ungefähr zehn Jahren habe ich auf eine ähnliche Frage geantwortet, „schön ist, was in sich schlüssig ist“, und damit eine ikonografische Orientierung offen gelassen. Unsere Realisierungen sind lesbar, allein schon durch die ihnen innewohnende Prozessualisierung der Außenbedingungen, der einbeziehenden Verhandlung dieses Äußeren. Die produktiven Kurzschlüsse, die hier angeboten werden, stellen eine Identität als Möglichkeitsraum her – gerade eben keine rein selbstbezügliche Positionierung. In dem Maße, wie eine das Umgebende inkludierende räumliche Situation hergestellt wird, verweigert sie sich auch der Vereinnahmung durch Vorstellungen, die dieser konkreten Situation fremd sind. Euer Begriff der Anti-Ikonografie benennt den Punkt, dass eine dermaßen deutliche Verweigerung gegenüber der gezielten Herstellung ikonografisch wirksamer Bilder sich eben auch dazu positioniert.

Du hast seit 2003 als Professor den Lehrstuhl für Architektur und Stadtforschung an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg inne. Welchen Stellenwert hat die Relation von Theorie und Praxis für Deine Tätigkeit im Ganzen?
Dieser Masterstudiengang operiert inzwischen unter der Bezeichnung „Akademie c/o“ nomadisch, er ist also nicht mehr an einen festen Ort gebunden, sondern sucht bewusst Kooperationen in spezifischen räumlichen Situationen, wo auch immer. Der Rhythmus monatlicher, zumeist einwöchiger Treffen ermöglicht es den Teilnehmern, Teil ihres eigenen produktiven Umfeldes zu bleiben und dies einzubringen. Aus dieser Struktur entwickeln sich eigenständige Formate, wie die „Akademie c/o Temporäre Kunsthalle Berlin“ – nach deren Abriss jetzt „Akademie c/o Neuer Berliner Kunstverein“ – die als öffentliches Seminar zur „Raumproduktion der Berliner Republik“ forscht. Die inzwischen mehrere hundert Mitglieder führen eigeninitiativ eine kontinuierliche Auseinandersetzung zur architektonischen Sozialforschung. Eine Arbeitsumgebung, die Prozesse der Herstellung von gebauter Umwelt erforscht, zielt auf Erkennen und Handeln: Erkennen als eine gemeinschaftliche, Begriffe bildende Arbeit in der Auseinandersetzung mit den uns umgebenden Bildregien und deren ideologischen Subtexten; Handeln als der Versuch, integre Möglichkeitsräume zu erschließen.

Inwieweit lässt sich denn aus der Erfahrung eine politische Relevanz von Entwurfs- und Handlungsansätzen konstatieren? Mögliche Stichworte wären anti-hierarchische Entscheidungsprozesse oder in der Tat Architektur im Sinne von Möglichkeitsräumen: Wie sähe etwa eine Architektur aus, die einem heute angemessenen Demokratieverständnis entspräche? Inwieweit sprichst Du einer gebauten Architektur in diesem Sinne ein weitergehendes kritisches Potential zu?

Architektur verstehen wir als das Ordnen von sozialen Beziehungen durch Gebautes. Einfach mit jeder baulichen Entscheidung werden soziale Beziehungen geordnet. Wenn zum Beispiel neben dem Außenministerium in Berlin zentrale innerstädtische Flächen kleinparzelliert wurden und an ausgewählte „neue Stadtbürger“ zur Erstellung von Stadthäusern/Townhouses veräußert wurden, dann wurden hier sehr deutlich soziale Beziehungen geordnet: Wer nicht in der Lage oder Willens ist, sich mit Eigentumsrechten zu bewaffnen, wird exkludiert. Wenn die äußere Erscheinung sich neoklassizistisch in Natursteinen und Applikationen übt, dann wurde hier die Vorstellung der Nutzer wie der Betrachter zeitlich und gesellschaftlich orientiert, und wenn hier der eigentumsrechtliche Übergang mit all seinen Folgen als offizielle Stadtentwicklungspolitik betrieben wurde, dann offensichtlich als eine Politik sozialer Segregation. Wenn also jede Architektur soziale Beziehungen ordnet und Vorstellungen orientiert, dann ist eben jedes Handeln in der gebauten Umwelt gesellschaftlich wirksam und damit auch politisch. Das heißt aber gerade nicht, dass einzelne Gebäude zum Beispiel den kommunalen Rückzug aus dem sozialen Wohnungsbau zu kompensieren hätten. Gemeinschaftlichen Interessen verpflichtete Volksvertretung und deren Administration bleiben verantwortlich für die Ergebnisse ihres Handelns. Aber umgekehrt werden soziale Beziehungen auch dann geordnet, wenn ein einzelnes Projekt zu günstigen Mietpreisen niedrig determinierten Raum anbietet. Wir erleben in Berlin gerade vielfältig neue Produzenten im Bereich gebauter Umwelt, die das „Ancien Regime“ einfach nicht mehr interessiert.

Wir haben mit Dir vor einigen Jahren über das Selbstverständnis des Architekten gesprochen, insbesondere mit Blick auf den politischen Stellenwert und die Handlungsfähigkeit kleiner Gruppen. Damals bist Du gerade von Köln nach Berlin gegangen. Wie haben sich Deine Erfahrungen seitdem entwickelt? Siehst Du, in Bezug auf diese Fragestellung, Veränderungen im Zuge oder Nachklang der Wirtschafts- und Finanzkrise?
Nicht zuletzt die griechische Finanzkrise ließ deutlich Zweifel aufkommen, welches Signal steinerne neo-griechische Säulen im Rahmen zeitgenössischer Neubauten in Berlin formulieren. Oder anders ausgedrückt: Ist eine strikt der Vergangenheit verpflichtete Bildregie in der Lage, Möglichkeitsräume zu eröffnen? Wird ein Schlossneubau für die Bürger sinnstiftend, wenn er vom Bundestag beschlossen wird? Oder von Landtagen, wie im Fall des Stuttgarter Bahnhofs? Das Architekturgroßbüro als Hersteller handelbarer Objekte ist Teil einer lediglich selbstbezüglichen Logiken folgenden Ökonomie geworden. Nicht nur die formalen Standardisierungen und Vereinfachungen dieser Architekturproduktion folgen dieser Logik. Auf der anderen Seite sind in Berlin Formen und Gebrauch gebauter Umwelt seit langem Thema raumbezogener Auseinandersetzungen, bei Anarchitektur, beim Institut für angewandte Urbanistik ifau und vielen anderen. Diese politisch motivierte Arbeit mündet mittlerweile auffällig häufig auch in bauliche Realisierungen, und die dabei zur Verfügung gestellten Nutzungskonzepte sehen eben auch anders aus.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Modell freier Kooperationen, das Du annähernd seit Beginn Deiner beruflichen Tätigkeit verfolgt hast? Hat sich die Aussicht, hier – auch interdisziplinär – Perspektiven für eine Praxis und Theorie verbindende Tätigkeit zu entwickeln, bestätigt?
Freie Kooperationen fordern Zeit und können auch misslingen. Andererseits: Know-how und Potential nicht permanent in Form eines festen Büros vorzuhalten, befreit in vielfacher Hinsicht, ökonomisch, inhaltlich. Der permanente Abgleich innerhalb von Kooperationen zu im Grunde allen Punkten eines gemeinsamen Projekts führt zu Entscheidungen, die für alle Beteiligten klar und nachvollziehbar sind. Das sollte sich am Projekt Brunnenstraße überprüfen lassen, für das Brandlhuber+ ERA, Emde, Schneider als Urheber stehen. Als vorläufiges Ergebnis formuliert: Recherche, konkrete Realisierungen und kritische Reflexion in wechselnder Intensität und in unterschiedlichen Kooperationen zu fokussieren, erweist sich als vielfältig produktiv. Es macht Vergnügen und Sinn.


Arno Brandlhuber, geboren 1964, studierte Architektur und Städtebau und ist seit 1993 selbständig tätig.
Es folgten 1994 bis 1996 die Projektpartnerschaft Neanderthal Museum mit Zamp Kelp und Julius Krauss, von 1995 bis 2001 Büro Brandlhuber, Büro b&k+ Brandlhuber&Kniess + Partner / b&k+b,m / b&k+r, Köln, von 2001 bis 2006 b&k+ brandlhuber &co, Köln, sowie seit 2006 Brandlhuber+ in Berlin. Seit 2003 leitet Arno Brandlhuber den Lehrstuhl für Architektur und Stadtforschung, Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg (a42.org). Seine vielfach ausgezeichneten Arbeiten wurden in diversen internationalen Ausstellungen wie etwa der Biennale in Sao Paulo und der Architekturbiennale in Venedig gezeigt.
www.brandlhuber.com
www.a42.org

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