Offenes Terrain

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Andreas Tölke im Gespräch mit Zhang Ke

Zhang Ke, Sie haben neulich beim Audi Urban Future Award teilgenommen und Ihre Präsentation unter anderem mit sehr ironischen Bildern aus der Kulturrevolution „gewürzt“. Wie unkonventionell darf eine Projektvorstellung sein?
Wir denken sehr oft, wir gehen in die falsche Richtung. Wir sind bei Wettbewerben in China oft die Einzigen, die sich Gedanken um urbane Bedingungen machen. Von daher sind wir beinahe daran gewöhnt, von einer Außenseiterposition zu starten. Es ist ein unabhängiger Weg, sich nicht zu eng an Briefings zu halten und den Auftraggeber zu überraschen. Die Chancen, dass es klappt, sind genauso hoch wie bei einer strikten Aufgabenerfüllung. Aber es macht mehr Spaß

Ist das Spiel mit der radikal kommunistischen Zeichensprache nicht defätistisch?
Die Irritation zieht sich durch jedes Publikum. Auch Chinesen fühlen sich davon angegriffen. Wenn wir zu sehr Angst hätten, in Fettnäpfchen zu treten, würde das nur Rückschlüsse auf unsere eigene Unsicherheit erlauben. Ja, es ist ein wenig zynisch, aber die jüngste Vergangenheit ist in unserem Bewusstsein verankert und wir müssen lernen, damit umzugehen und Distanz zu schaffen, um uns davon zu befreien. Für uns ist es auch die kritische Überprüfung des eigenen Tuns: Wollen wir uns einem Dogma unterwerfen?

Martin Heidegger hat, bezogen auf die deutsche Vergangenheit, einmal sinngemäß formuliert: Erst wenn man darüber Witze machen kann, hat man das Dritte Reich überwunden. Kann das auch auf China angewendet werden?
Wir haben aktuell eine Zwitter-Situation und sind in der Aufarbeitung unserer Geschichte noch längst nicht so weit wie Deutschland. Aber aus meiner subjektiven Wahrnehmung heraus befinden wir uns auf einem guten Weg. China ist viel offener – auch was den Umgang mit der Vergangenheit angeht –, als es im Rest der Welt wahrgenommen wird. Die junge Generation ist ein großer, unorganisierter Protest. Man kann alles sagen. Wir spielen mittlerweile mit den Symbolen, weil dies für uns kein Alltag ist und keine existentielle Relevanz hat.

Es klopfen immer wieder große Bauträger bei Ihnen an. Ist das Business in China also nicht so „bierernst“, wie man es von Europa aus vermutet?
Wir verstehen das in einem größeren Zusammenhang – wie denken Architekten und wie umfassend kann Architektur auf Bedingungen eingehen. Unsere größte Herausforderung ist eine umfassendere als das Erschaffen von Gebäuden. Die Komplexität sollte in unseren Entwürfen zum Tragen kommen; die Fragen, die wir uns stellen – und das sind in der Regel deutlich mehr, als ein potentieller Auftraggeber stellen will –, versuchen wir schon im Vorfeld zu skizzieren. Beantworten können wir sie nicht aus dem Stand, aber es wird schon sehr früh klar, dass der umbaute Raum nicht ohne einen Gesamtkontext kreiert werden kann. Wie wachsen Städte? Wie können ökologische Fragen ökonomisch sinnvoll beantwortet und umgesetzt werden?

Sie haben London, eine gewachsene europäische Stadt, neulich scheinbar beinahe enttäuscht mit den Worten kommentiert: „Hier hat sich nichts verändert.“
Das Einzige, was signifikant das Stadtbild verändert hat, sind die jüngsten Hochhäuser. Und die sind nicht mal besonders hoch. Das hat ja auch etwas Gutes. Die Geschwindigkeit in Europa ist eine völlig andere. Wir – die neue Generation in China – nehmen nichts als gegeben hin. Wir sind unter dramatischen Veränderungen aufgewachsen. Und das konstant, jedes Jahr. Bevor ich für mein Studium das Land verlassen habe, dachte ich, dass Städte sich jedes Jahr verändern müssen. Dass es normal ist, wenn ganze Viertel verschwinden und neu gestaltet werden. Dann war ich in Boston und war total erstaunt, dass sich in fünf Jahren nichts verändert. Jede Kleinigkeit hat ihren Platz und bleibt auch dort. Mich irritierte das extrem. Aber es ist ein anderer Weg, der kulturell begründet ist, und der ist genauso gut oder schlecht wie der chinesische Weg.

Was bedeutet es für einen chinesischen Architekten, wenn er weiß, dass seine Gebäude – so imposant sie auch sein mögen – voraussichtlich eine Halbwertzeit von einer Dekade haben?
Es wird nicht für zehn Jahre gebaut, es wird für mindestens 100 Jahre gebaut. Aber der Nachholbedarf in der städtebaulichen Entwicklung ist extrem hoch, und wenn die Planung voran schreitet, kann es passieren, dass aufgrund eines neuen Bebauungsplans ein relativ neues Gebäude wieder abgerissen wird.

In Beijing sind am zweiten Autobahnring um die Stadt vor fünf Jahren ganze Viertel entstanden, die heute wieder abgerissen werden. Das wirkt wie trial and error.
Stimmt. Aber das passiert in New York auch. In China wirkt es nur deutlich drastischer, weil der Fokus auf China ein anderer ist. Wir werden nicht als eine Gesellschaft wahrgenommen, die selber etwas erschafft, sondern lediglich als eine reproduzierende Wirtschaft. Wenn wir also etwas kreieren, was wenig später hinfällig wird, ist das für den Rest der Welt der Beweis, dass wir es noch nicht drauf haben, um es mal lapidar auszudrücken. Das allerdings ist ein Irrtum.

Warum ist es gut, Millionensummen in Gebäude zu stecken, die eine kurze Verweildauer haben?
Weil es uns dazu zwingt, andere Kriterien an Architektur anzulegen. Die These, dass Architektur für die Ewigkeit ist, wird absurd. Wir vernachlässigen dabei die Tatsache, dass Architektur temporär ist. Das ist ja keine Antithese aus China. Nicht umsonst sind gerade in Europa Gebäude in dieser Hinsicht lesbar: Gründerzeit, Bauhaus, Mid-Century – all das ist erkennbar an einem Gebäude. Und dass bis dato Stilverwirrungen und ökologisch sinnlose Gebäude weiter betrieben werden, das steht ja nicht für die Unendlichkeit von Architektur. Architektur wird zunehmend modischer – und der Wechsel in der Mode geschieht alle sechs Monate. Daran sollten wir uns jetzt nicht unbedingt messen lassen, aber wir müssen kritischer hinterfragen, ob ein sinnloses Gebäude, nur weil es mächtig ist, bleiben soll. Temporäre Architektur stellt uns vor neue Herausforderungen in allen Bereichen. Materialität, Kosten, Rückbaubarkeit – hier wird an Tabus gekratzt.

Ein Tabubruch, an den europäische Architekten nicht gewöhnt sind?
Die Frage zu stellen, warum Architektur für die Ewigkeit sein soll, ist für einen Europäer, der das Kolosseum in seiner DNA hat, natürlich fatal. Ich sage auch nicht, dass es richtig ist oder die zu präferierende Variante, aber es ist eine neue Dimension, sich als Architekt zu fragen: Wie gehe ich ein Gebäude an, das nur für fünf Jahre Daseinsberechtigung hat?

Wenn – unterstelltermaßen – europäische Architekten für die Ewigkeit bauen, Chinesen aber andere Bedürfnisse haben, warum werden dann so häufig große europäische Büros zu Wettbewerben und Projekten nach China eingeladen?
Für die jüngere Generation sind das Meilensteine. Wir haben in China gegen das Establishment gekämpft – auch wenn es um die architektonische Realität ging. Rem Koolhaas und die etablierten Architekten sind für uns ein Türöffner. Es hat extrem geholfen, eine Architektur-Kultur zu verändern. Jetzt ist das Terrain geöffnet und sehr offen. Es hat auch die Bereitschaft unserer Kunden verändert. Unsere Auftraggeber sind sehr jung und offen für Neues. Sie wissen, dass neben traditioneller – und damit meine ich nicht die Architektur des vergangen Jahrhunderts – Formensprache etwas anderes machbar ist. Und sie lassen sich darauf ein und geben uns die Chancen, das zu realisieren.

Ist es als junger chinesischer Architekt leicht, diese Akzeptanz zu erreichen?
Ich glaube, es ist nicht schwerer als für ein etabliertes Büro aus dem Ausland. Junge chinesische Architekten sind sehr international orientiert – das wissen auch die Auftraggeber. In unserem Büro arbeiten junge Leute aus fünf verschiedenen Nationen. Wir sprechen Chinesisch und Englisch im Büro. Und einige Bauträger wollen mittlerweile explizit chinesische Architekten. Es ist einfacher in der Kommunikation, und das Verständnis für die Situation ist natürlicher.

Wie manifestiert sich das in der chinesischen Gesellschaft?
China ist an dem Punkt, Neues zu assimilieren. Es gibt die Erwartungshaltung, dass Dinge jenseits der Vorstellungskraft eindringen. Die Väter und Mütter der Visionen sind nicht mehr lokal zu verorten. Es zählt die Vision.

Bis vor kurzem war noch alles von außen in der Wahrnehmung der Chinesen besser als das, was aus dem Land selber kam. Kann sich vor diesem Hintergrund eine originär chinesische Architektur entwickeln? Ist das überhaupt eine zeitgemäße Fragestellung?
Richtig, die Faszination des Unbekannten spielte und spielt eine große Rolle. Aber die junge Generation ist an der Frage der kulturellen Identität nicht interessiert. Es ist auch viel zu früh, um sich – böse formuliert – wieder abzuschotten und die eigenen Maßstäbe über alle anderen zu stellen. Wir scheinen diese Phase aber auch übersprungen zu haben und schaffen eine global beeinflusste Wirklichkeit. Unsere größte Angst ist, eine Kopie des Westens zu werden – nicht nur im Bereich von Architektur und Formensprache. Wie chinesisch das nun Entstehende wird – das wird die Zukunft zeigen. Die Frage, wie chinesisch etwas ist, aus reinem Selbstzweck zu stellen, halte ich für sehr gefährlich. Genauso wie die Frage, ob es zeitgenössisch ist – zeitgenössisch als Prädikat ist nicht ausreichend. In zehn Jahren wird sich die lokale Identität manifestieren. Es gibt aktuell Architekten, die auf Gedeih und Verderb versuchen, etwas chinesisch aussehen zu lassen. Chinesisch als Label – das ist genauso verblendet. Wir behaupten, dass die Grenze zwischen chinesischer und westlicher Architektur längst gefallen ist. Trotzdem wird zeitgenössische Architektur in China und für China anders sein als das, was im Westen entsteht. Wenn überhaupt, sind wir näher an der Ästhetik einer zeitgenössischen japanischen Architektur. Aber auch das wird sich relativieren. Leichtigkeit, Präzision und Prestige in ihrer radikalen Ausformung sind auf die Dauer viel zu dogmatisch.

Wie verträgt sich der Trend zu Formensprache als Branding mit diesem Ansatz? Wiedererkennbarkeit ist heute ein wirtschaftlicher Parameter für den Erfolg eines Büros und steht im Kontrast zu lokaler Identität. Die so genannte Stararchitektur zumindest sieht überall auf der Welt gleich aus.
Ikonenhafte Architektur ist für junge chinesische Architekten natürlich sehr verführerisch. Aber nicht für uns. Bei jedem Projekt versuchen wir, eine Formensprache zu entwickeln, die sich an den lokalen Gegebenheiten orientiert und nicht als Selbstdarstellung des Büros fungiert. Wir wollen nie die Frage außer Acht lassen: Warum tun wir das? Und wo tun wir es? Außerdem würde es uns langweilen, uns festzulegen. Wir vergessen als erstes die Frage der Form.

Zhang Ke studierte Architektur und Urban Design in Tsinghua sowie Architektur an der Graduate School of Design der Harvard University. 2001 gründete er das Büro Standardarchitecture in Beijing, das er heute mit drei Partnern führt. Das Büro realisiert Projekte in den Bereichen Architektur, Städtebau, Landschaftsplanung und Produktdesign und ist mit seinen unkonventionellen, nicht auf eine Formensprache reduzierbaren Entwürfen zu einem der wichtigsten international wahrgenommenen Architekturbüros aus China aufgestiegen.

www.standardarchitecture.cn

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