Komplexität und Mehrdeutigkeit

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Ralf F. Broekman und Olaf Winkler im Gespräch mit Holger Kehne

Holger Kehne, die Tätigkeiten von Plasma Studio reichen von Interiors und Ausstellungsarchitekturen über Architektur jeglichen Maßstabs bis zu Stadt- und Landschaftsplanung; derzeit ist das Studio Lead-Designer des 37 Hektar großen Areals für die International Horticultural Expo 2011 in Xi’an, China. Innerhalb dieser Bandbreite tritt die Formensprache als verbindendes Element in den Vordergrund. Wie wichtig ist Ihnen Handschrift, Wiedererkennbarkeit? Spielt ein Stil-Begriff für Sie eine Rolle, möglicherweise auch als Teil einer bewussten kulturellen Verortung?
Obwohl wir noch nie unsere Arbeit in Form eines Stils definiert und eingesetzt haben, ist es schon richtig und auch durchaus gewünscht, dass Gemeinsamkeiten und Bezüge zwischen den Projekten lesbar sind. Eine solche „Handschrift“ entsteht durch eine spezifische Sensibilität, Herangehensweise, einen Arbeitsprozess, gepaart mit Interessen und Erfahrungen. Aber so etwas darf nie statisch bzw. klar umrissen sein, sondern entwickelt sich stetig neu und passt sich dementsprechend an Anforderungen, Gegebenheiten und Orte an. Bei Plasma trägt zur Wiedererkennbarkeit bei, dass wir mit konzeptionellen und abstrakten Diagrammen arbeiten, die wir auf ganz verschiedene Aufgaben und Größenordnungen anwenden, und unser Oeuvre als Kontinuum bzw. Evolution verstehen, sodass wir häufig Ansätze aus älteren Projekten neu einsetzen.

Die meisten Ihrer Entwürfe wären ohne neue Technologien sowohl im Bereich des Entwurfs wie der Konstruktion kaum realisierbar. Mit diesen Entwicklungen haben sich neue Freiheiten ergeben, die allerdings auch eine Veränderung tradierter Entwurfsbegründungen betreffen. Benötigen wir neue Kriterien für den architektonischen Entwurf? Wie generieren Sie Form? Und was bedeutet das bei so unterschiedlichen Programmen wie etwa einerseits im traditionsreichen Kontext alpiner Wohnarchitektur, andererseits bei Ihrem derzeitigen Großprojekt in Xi’an?
Gerade dadurch, dass unsere Arbeit so zeit- und mittelspezifisch die heutigen Entwurfs- und Konstruktionsmöglichkeiten auslotet und lesbar macht, stellen wir ja im Prinzip eine Brücke zur Moderne her und könnten durchaus nach sehr ähnlichen Kriterien beurteilt werden. Es ist meiner Ansicht nach nicht so sehr die Erweiterung der Möglichkeiten, sondern die Frage, was man mit ihnen anstellt, zu der die traditionelle modernistische Kritik keinen produktiven Zugang findet. Ich schlage „Komplexität und Mehrdeutigkeit“ als Weiterentwicklung von Venturis „Complexity and Contradiction“ vor, wobei, wie schon angedeutet, die Moderne nicht abgelehnt, sondern gleichfalls integriert wird. Eine solche Verknüpfung von Moderne und Postmoderne trifft sicherlich eine Vielzahl von zeitgenössischen Entwurfsansätzen, aber es ist fraglich, ob diese Kriterien für eine Beurteilung liefern können. Unsere Architektur entsteht immer im vielfachen Dialog zwischen „opportunities and constraints“: Raumprogramm, Ort, sozialem Umfeld, Kunden, Budget, Beratern und natürlich unseren eigenen Interessen, Ideen, Prozessen und Techniken, welche wiederum Geschichte, Theorie und fachspezifische Diskussionen der Architektur widerspiegeln und weiterführen. Gleichzeitig möchte ich betonen, dass wir keinesfalls bloß eine Reihe von Parametern unter einen Hut bringen. Eine ordnende, identitätsstiftende und somit oftmals idiosynkratische Gesamtidee ist unerlässlich und letztendlich das, was ein Projekt ausmacht. Die Kunst ist, durch das Ausarbeiten von Bezügen die Willkür im Zaum zu halten. Weiterhin ist für uns wichtig, durch elastische Entwurfsprozesse den Projekten die Freiheit zu geben, sich so zu entwickeln, dass sich eine innere Kohärenz bildet. Das ist sowohl in den Projekten im alpinen Umfeld, wo die umgebende Bebauung extrem heterogen und räumlich ungegliedert ist, als auch bei großen Projekten wie Xi’an Expo wichtig, um letztendlich den Objektcharakter von Architektur zu erweitern und auch den Außenraum durch eine spezifische Raumwirkung und Atmosphäre zu prägen.

Ihre Gebäude verweisen auf Polivalenz sowohl hinsichtlich entwerferischer Eingaben wie im räumlich-architektonischen Ergebnis und Ausdruck. Wie würden Sie die dahinterstehende Transformation von Komplexität beschreiben? Wie gehen Sie mit dem damit allerdings auch verbundenen Verlust an Lesbarkeit im tradierten Sinne um, einschließlich möglicherweise einer Redefinition von Funktionalität?
Komplexität und Vielschichtigkeit bedeutet über eine Reflexion und Erlebbarkeit von zeitgenössischen Tatsachen und gesellschaftlichen Entwicklungen hinaus die Möglichkeit, selber als Benutzer bzw. Rezipient das Mischverhältnis zu regeln und Schwerpunkte zu setzen. Es kommt im Idealfall zu einer Überlagerung der Gedanken des Autors und derer des Benutzers, ein Prozess der aktiv und offen ist, stetig anders ausfällt. Ähnlich wie ein starkes Werk der Modernen Kunst unfertig daherkommt, Strukturen und Inhalte suggeriert und nicht vorschreibt, sodass der Betrachter das Ganze durch persönliche Gedanken und Interpretationen fertig stellen muss. Für uns ist diese Art von Emanzipation und Integration des Benutzers zentrales Anliegen. Dabei muss gesagt werden, dass Architektur ja in den meisten Fällen nicht die Freiheit hat, eine solche Unfertigkeit zum Ausdruck zu bringen. Sie muss funktionieren und haltbar sein. Aus diesem Grunde arbeiten wir konzeptionell mit Vielschichtigkeit, sodass von sachgemäß bis fordernd eine Bandbreite von Zwecken und Lesungen gleichzeitig erfüllt werden kann.

Benötigt eine zunehmend komplexe Gesellschaft demnach eine neue, komplexe Architektursprache – nicht nur formal, sondern semantisch? Wie verhält sich eine solche Sprache im Spannungsfeld von Globalisierungstendenzen einerseits, regionaler und kultureller Fragmentierung andererseits?  
In Bezug auf Komplexität gehe ich davon aus, dass durch zunehmende Ausreifung von Produkten und der inzwischen erfolgreichen Integration und Verschmelzung von Informationsträgern und physischen Objekten die Anforderungen an die Architektur erheblich steigen und in Zukunft nicht mehr durch die klassischen Schemata von quasi separaten elementaren Systemen wie (externe) Formsprache, Konstruktion, (interne) Gestaltung, Haustechnik, Medien und Telekommunikation etc. getrennt konzipiert und konfiguriert werden können. Architekten und Ingenieure stehen im Wettbewerb zueinander, diese gesamtheitliche Realität zu koordinieren, wobei die Ingenieure praktisch und die Architekten theoretisch und konzeptionell die Nase vorn haben. Ich halte in der Tat die Frage der Semantik für weitaus wichtiger als technische und quantitative Ansätze. Gegenwärtig wird architektonische Formensprache eingesetzt, um entweder lokale und regionale Identität zu vermitteln und zu verteidigen oder umgekehrt die globale multinationale Realität zu verkünden. Es ist unschwer zu erkennen, dass Architektur sich von der gegenwärtigen Betonung dieses Kontrasts hin zu der Verknüpfung von lokalen und globalen Identitäten entwickeln muss. Das ist wohl eine der größten und wichtigsten Herausforderungen für die Architektur der Zukunft.

Welche Rolle spielen für Ihre Arbeit Rückgriffe auf und Wechselwirkungen mit anderen Disziplinen – anderen Künsten, aber auch Philosophie, Soziologie, Naturwissenschaften? Gibt es eine konkrete Integration dieser Felder in Ihre architektonische Arbeit bzw. Kooperationen?
Wir sind sehr stark durch Kunst, gesellschaftliche Strömungen und andere Felder beeinflusst, aber das passiert bisher eher indirekt. Eine Zusammenarbeit mit Experten aus anderen Bereichen wäre sehr spannend und erfreulich. In unserem realen Alltag stellt es sich bloß leider so dar, dass bisher weder Zeit noch Geld für solche Kooperationen da war.

Sie sind, auch über Ihre Lehrtätigkeit an der Architectural Association, in den architekturtheoretischen Diskurs involviert. Wie sehen Sie generell das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis und die Möglichkeiten des Transfers?
Unsere projektbezogene Arbeit mit Plasma und GroundLab sowie die akademische und experimentelle Forschung an der AA komplementieren sich: Die Projekte und Inhalte an der AA sind analytischer, grundsätzlicher und prozesshafter ausgelegt und bilden insofern eine konzeptionelle Grundlage für reale Projekte. Was in unserem Fall besonders ist, ist, dass gleichzeitig der Wissenstransfer in umgekehrter Richtung den gleichen Stellenwert einnimmt. Das heißt, die Studenten lernen durch die Konfrontation mit Projekten und Entwurfsprozessen von Plasma und GroundLab konkrete Arbeitsmethoden und Resultate kennen. Diese fungieren als Katalysatoren, die die oftmals sehr abstrakten und diagrammatischen akademischen Ansätze strukturieren und konkretisieren helfen. Darum stellen wir auch den Studenten aktuelle Themen zur Aufgabe, die ebenfalls im Studio zur Debatte stehen, wie „rapid urbanisation“, „the integration of landscape and architecture and infrastructural urbanism“. Da bei Architekturprojekten wenig Budget und Zeit für solides „R&D“ zur Verfügung steht, ist dieses erweiterte Feld sehr wichtig und produktiv.

Ein Charakterzug der Architektur von Plasma Studio liegt in der grundsätzlichen Relativierung bestehender räumlicher Abgrenzungen und Zuweisungen – innerhalb eines architektonischen Gefüges ebenso wie zwischen innen und außen, privat und öffentlich etc. Welchen Stellenwert hat dabei eine politische Auffassung von Architektur, gegebenenfalls eine Re-Politisierung von Architektur?
Wenn man schaut, wohin es augenblicklich generell in der gebauten Umweltgestaltung geht, dann kommt einem das Schaudern: immer mehr Abgrenzungen und kaum noch öffentliche Räume – alles wird privatisiert, internalisiert, kontrolliert. Architektur bleibt als Ausdruck bloß noch die Fassade, sodass es vielfach zu Schimären kommt – Gebäude, die ihre reaktionäre Realität auch noch zu vertuschen versuchen. Man kann den Architekten nicht viel vorwerfen, denn es ist vielfach schon strukturell vorgegeben und ihnen bleibt gar nichts übrig, als sich bloß am Erscheinungsbild des Gebäudes auszulassen. Allerdings vermisse ich eine gesellschaftliche Diskussion über diese Beschneidung des Zuständigkeitsbereichs. Wir müssen als Berufsstand vor allem dafür kämpfen, unsere Expertise entscheidungsprägend in Gremien, Jurys usw. einbringen zu können.

Inwieweit würden Sie Architektur – und dem Architekten – eine tatsächlich gesellschaftlich bzw. politisch prägende Kraft zurechnen? Spielt Dissidenz eine Rolle?
Es wäre sicherlich positiv für die gebaute Umwelt, wenn Architekten durch die Bank ein höheres Maß an Bewusstsein, Moral und Solidarität an den Tag legen würden. Gleichzeitig ist es heutzutage schwierig zu definieren, was richtig und was problematisch ist, und der zunehmende globale Wettbewerb untergräbt die Transparenz und Möglichkeiten von Beurteilung und Wahl weiter. Es ist wichtig, dass ein Teil des Berufsstands sich durch aktive tagespolitische Tätigkeit und Dissidenz gesellschaftlich einbindet, was auch selbstkritische und neue Erkenntnisse schafft und Rahmenbedingungen absteckt. Wenn man allerdings ein kommerzielles Architekturbüro betreibt und an der Erstellung von Bauten unter marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen arbeitet, sollte man sich aus der Politik heraushalten, denn es könnte schnell zwielichtig werden. Es ist in dem Fall wohl besser, sich auf den Bereich zu konzentrieren, in dem man Experte ist, also in den allermeisten Fällen die Organisation und Gestaltung der Bauaufgabe. Hier kritisch, experimentell und erstklassig zu agieren, sich nicht vor jeden Karren spannen zu lassen, sondern Architektur und gebauten Raum selbst als politische, soziale und emanzipatorische Kraft zu schaffen, ist für uns entscheidend.

Holger Kehne und Eva Castro gründeten 1999 in London das Büro Plasma Studio. 2002 eröffnete eine Niederlassung in Südtirol, geleitet von Associate Partner Ulla Hell; ein weiteres Büro besteht in Beijing. Das Tätigkeitsfeld von Plasma reicht von Installationen und Ausstellungsarchitekturen über Architektur bis zu Stadt- und Landschaftsplanung (mit dem Studio GroundLab, von Castro und Kehne mit drei weiteren Partnern geführt), gekennzeichnet insbesondere durch komplexe Geometrien und eine damit verbundene Relativierung überlieferter Raumtypologien. Die vielfach ausgezeichneten Projekte von Plasma wurden in verschiedenen internationalen Ausstellungen wie jüngst im DAZ Berlin gezeigt. Kehne und Castro lehren in London an der Architectural Association und als Honorary Professors an der Xi’an University of Architecture and Technology.

www.plasmastudio.com

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