Aktivierter Raum

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Ralf F. Broekman und Olaf Winkler im Gespräch mit Jürgen Mayer H.

Jürgen Mayer H., mit „Metropol Parasol“ in Sevilla haben Dein Büro und Du eines der ungewöhnlichsten stadträumlichen Projekte der letzten Jahre in Europa realisiert – nicht nur wegen der besonderen Ausformung an sich, sondern vor allem aufgrund des Kontrasts zur kleinteiligen Altstadt umher. Die „Ankunft“ eines solchen Bauwerks ist ja mit der eigentlichen Fertigstellung noch nicht abgeschlossen. Wie siehst Du den Status des Projektes, wenige Monate nach der offiziellen Eröffnung? Verfolgt ihr die Wahrnehmung und Reaktionen vor Ort?
Die Stadt Sevilla will den urbanen Raum des 21. Jahrhunderts überdenken – das ist ja schon eine großartige Voraussetzung. Sevilla hat nun einen Hybrid aus Hauptplatz, archäologischer Stätte, Markthalle und Restaurants bekommen. Natürlich will Sevilla mit Metropol Parasol ein Zeichen setzen und in direkte Konkurrenz zu anderen Städten treten. Die Erwartung, die an dieses Projekt gestellt wurde, war, ein Image zu produzieren, mit dem sich die Stadt ins 21. Jahrhundert katapultieren kann. Offensichtlich hat unser Vorschlag Neugier geweckt und war stark genug, um die vielen Erwartungshaltungen der Stadtverwaltung zu erfüllen. Das Wichtigste aber ist: Wenn man in Sevilla einen öffentlichen Raum beleben will, dann braucht es Schatten. Und deshalb haben wir den Platz mit dieser netzartigen Geometrie überdeckt. Das Projekt ist gerade fertiggestellt worden. Schon jetzt zeigen sich die tatsächlichen Potentiale für die Bewohner der Stadt durch die Einbeziehung des Ortes als Kulisse für Versammlungen und Großveranstaltungen, wie etwa bei der Osterwoche für Prozessionen, als Versammlungsort der protestierenden Jugend Spaniens oder gar als Hauptort der Veranstaltungen für den Gay Pride dieses Jahr in Sevilla.

In der allgemeinen Wahrnehmung ist etwas ins Hintertreffen geraten, dass das Projekt auch ein explizit ingenieurtechnisches ist. Wie wichtig sind diese technischen Aspekte, die Materialität, das so noch nicht Gemachte?

Das Projekt ist 150 Meter lang, 70 Meter breit und 28 Meter hoch. Wenn man also ganz oben steht, dann sieht man die ganze Stadt. Der Ausblick ist gigantisch. Wir haben sehr lange und sehr viel mit unterschiedlichen Experten bezüglich Statik, Baukosten, Nachhaltigkeit, Langlebigkeit diskutiert. Es hat sich herausgestellt, dass die in vielerlei Hinsicht beste Variante eben die Holzkonstruktion ist – aber kompliziert ist sie in jedem Fall. Aus Witterungsgründen und zur statischen Aussteifung wurde die Konstruktion dann mit einer Polyurethan-Haut überzogen. Die Baukonstruktion haben wir prinzipiell schon für die Mensa Moltke in Karlsruhe zusammen mit den ausführenden Firmen entwickelt. Die einzelnen Knotenpunkte der Parasolschirme werden dann mit einer Klebeverbindung zusammen - gehalten. Die Stahlteile wurden mit einem neuartigen Kleber, den das Fraunhofer-Institut entwickelt hat, in die Holzschichtpaneele eingeklebt. Metropol Parasol ist somit wahrscheinlich das größte gebaute Projekt mit Bonding Technology.

Der Kontrast und die entsprechende kritische Auseinandersetzung in der Folge waren Teil des Entwurfskonzeptes. Steht dahinter eine generelle Auffassung, wie sich eine Entwicklung von Stadt, formal, aber vor allem auch sozial und kulturell, durch planerische Eingriffe motivieren lässt? Welche Rolle spielt die Vorstellung eines möglicherweise auch provokanten Bruchs gegenüber Begriffen wie Kontinuität, Evolution?
Es ist sehr schwer, Mut und Risiko gegeneinander abzuwägen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass uns sehr viel Selbstvertrauen abverlangt wird, wenn man eine bestimmte Idee umsetzen möchte, und manchmal geht es auch ganz leicht. Mich interessiert es eher, noch Ungesehenes und Unentdecktes zu entwickeln. Im Falle von Metropol Parasol war es aber definitiv die Stadt Sevilla, die diesen Aufbruch nach vorne gesucht hat. Das Projekt wurde schon in der Wettbewerbsphase öffentlich gemacht, in Präsentationen und auf einer Website. So konnte auch die Verankerung von Metropol Parasol in Sevilla und seiner kulturellen historischen Relevanz dargestellt werden. Dieser Prozess hat es wohl auch ermöglicht, dass so ein besonderes Projekt die Unterstützung bei den Bürgern gefunden hat. Die Form der Kommunikation und Diskussion um dieses Projekt, auch schon bevor überhaupt ein Architekt ins Spiel kam, ist wahrscheinlich der eigentliche Erfolg dieses Projekts.

Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang generell die Entwicklung neuer, gerade auch dezidiert urbaner Architekturtypologien? Siehst Du eine Tendenz und Notwendigkeit, tradierte Funktionszuweisungen und -abgrenzungen zu hinterfragen?
Unseren Arbeiten liegen bestimmte Fragen zu Raum, Technologie und ihrer Beziehung zur Natur und zum menschlichen Körper zugrunde, egal ob bei kleinen Kunstprojekten, Designprodukten, Gebäuden oder urbanen Stadtentwicklungen. Die Kontexte, in denen diese Arbeiten diskutiert werden, sind sehr unterschiedlich und das wiederum hilft uns, unsere Arbeiten offener zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Gerade in der Auseinandersetzung mit den jeweiligen Disziplinen erweitern wir unseren Blick und unsere Forschungsbereiche. Für den städtischen Raum bedeutet das auch die Einbeziehung neuer Medien, wie jüngst auch im Zusammenhang mit der „Revolution“ zu sehen war. Urbaner Raum heute ist nicht mehr ein statischer Raum, sondern aktiviert. Die Schichtung unterschiedlichster Funktionen und bespielbarer Teilbereiche macht den Platz zu einem vertikalen urbanen Raum.

Du gehörst auch jenseits des gebauten Werks zu den präsentesten deutschen Architekten, etwa durch Lehrtätigkeit seit vielen Jahren in den USA oder auch an der AA in London, durch die Beteiligung an Konferenzen, Podien und Ausstellungen, auch im Kontext von Preisen wie etwa dem Audi Urban Future Award, den Du letztes Jahr gewonnen hast. Wie wichtig ist diese Präsenz jenseits des reinen Werbeeffekts, welche Formen der Auseinandersetzung siehst Du als produktiv und zielführend?
Architektur ist Kommunikation und Diskurs – auf allen Ebenen.

Du bist mit einem disziplinenübergreifenden Ansatz im Arbeiten und Denken auch exemplarisch für eine Generation von Architekten, die das tradierte Bild des Berufsstandes aufweitet. Wie bewertest Du international die Wahrnehmung dieser Entwicklung, etwa wenn man die USA und Deutschland vergleicht? Wo ist Raum für die größeren Chancen und Potentiale?
Die Veränderungen des Disziplinbegriffs sind ja schon seit einigen Jahren in vollem Gange, und das ist mittlerweile nicht mehr länderspezifisch. Vorbilder und Referenzen bei uns sind Frederick Kiesler Mitte des 20. Jahrhunderts oder Diller+Scofidio in den 1990ern. Die Herausforderung liegt in der Formulierung eines Denk- und Gestaltungsansatzes, der sich in jedem Medium und Maßstab erproben lässt. Die Disziplin wird erst in dem Moment relevant, in dem die Arbeiten gezeigt, veröffentlicht oder realisiert werden. Und dann bestimmt der Kontext die Wahrnehmung. Unsere Projekte sind keine Lösungen im direkten Sinn, sie sind eher gebaute Fragen und Diskussionsgrundlagen.



Jürgen Mayer H., geboren 1965, studierte Architektur an der Universität Stuttgart, The Cooper Union, New York, und der Princeton University. Das von ihm 1996 gegründete Studio J. Mayer H. arbeitet an den Schnittstellen von Architektur, Kommunikation und Neuen Technologien. Mayer H. unterrichtet seit 1996 an verschiedenen internationalen Hochschulen wie der UdK Berlin, der Harvard University, der AA in London, der Columbia University in New York und der Toronto University. Seine Projekte wurden mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet und sind in Sammlungen wie jenen des MoMa und des SFMOMA vertreten.
www.jmayerh.de

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