Carlo Mollino in München
Verbindendes Element seiner Arbeiten in allen Disziplinen ist die Rolle, die er der Linienführung zukommen lässt. Mit ihr verbindet er in seinen Architekturen, seinen Möbeln, aber auch in seinen Fotografien barocke Opulenz mit surrealistischen Gegensätzen, wobei er den Grundsatz „Form follows Function“ verwirft und stattdessen nach Schönheit in der Zweckfreiheit strebt. Konsequenterweise sind fast alle seine Möbel als Einzelstücke konzipiert, die als autonome Kunstwerke verstanden werden sollten. Große Auflagen entstehen nur für Aufträge, die danach verlangen, wie etwa die Bestuhlung für den Lutrario Ballsaal oder die Sessel für die Casa Minola. Den Höhepunkt der Zweckfreiheit erreicht Mollino wohl in seinem eigenen Apartment, das heute als Casa Mollino ein ihm gewidmetes Museum beherbergt. Es war nicht darauf ausgelegt, bewohnt zu werden; kein einziges Mal hat er hier übernachtet. Viel mehr scheint er es mit der Anhäufung unzähliger Fotografien und persönlicher Schätze zu seiner Interpretation eines Mausoleums überformen zu wollen, als er 1973, im Jahr seines Todes, schreibt: „I am preparing, like the Chinese of rank who in life adorns his own mausoleum, a corridor of my house to be a twilit avenue where the photographs and many other mementos of life shall follow in sequence: all beautiful, or almost.“
Die Ausstellung ist die letzte im Haus der Kunst unter der Leitung von Chris Dercon, der im April 2011 die Stelle des Direktors der Tate Modern in London angetreten hat. Kokuratiert wurde sie von Wilfried Kuehn und Armin Linke, der eine umfangreiche Fotoserie beisteuert, für die er jedes noch existierende Architekturprojekt Mollinos fotografiert hat. Außer Armin Linke skizzieren zwei weitere zeitgenössische Künstler das Echo, das Mollinos Arbeiten heute erzeugen: Simon Starling mit dem Film Four Thousand Seven Hundred and Twenty Five (Motion Control / Mollino), 2007, dessen Hauptrolle ein Mollino-Stuhl spielt, und Nairy Baghramian mit der Installation „Teestube“, die sich auf Mollinos surrealistische Installation Té numero 2 bezieht.
Carlo Mollino – Maniera Moderna
Ausstellung bis 8. Januar 2012
Haus der Kunst, München
www.hausderkunst.de
Abbildungen
Carlo Mollino
Teatro Regio, 1965-73
Photo: Cavalli
Carlo Mollino Teatro Regio, 1965-73 (Detail)
Photo: Armin Linke
Carlo Mollino
Lutrario Ballsaal in Turin, 1959
Photo: Armin Linke
Carlo Mollino
Innenansicht der Casa del Sole, Cervinia, 1947-55
Photo: Armin Linke
Carlo Mollino
Armchair for Casa Minola, 1946
Carlo Mollino
Chair for Mollino's studio at the Faculty of Architecture, 1959
Carlo Mollino
Casa Mollino, 1960-68
Photo: A. Bartos
Carlo Mollino
Untitled polaroid, 1960s
Carlo Mollino on his Bisiluro car, 1955
Photo: Invernizzi
Bisiluro da corsa, Nardi – Mollino – Giannini, 1955
© Alessandro Nassiri, Archivio Museo Scienza
Carlo Mollino, circa 1950












