Tomás Saracenos Bauten erinnern an natürlich gewachsene räumliche Wucherungen, zuweilen an Spinnennetze, vielleicht an kosmische Systeme. Die Schwerkraft scheint nicht ihr zuverlässigstes Kriterium zu sein. Wo die erstaunlichen Konstruktionen zu betreten, zu erklimmen sind, zu schwingen beginnen, hebt sich das Gefühl für oben und unten auf. Das Ergebnis sind Skulpturen aus Fäden oder Raummodulen, die sich zugleich als Modelle lesen lassen, Erkundungen möglicher Welten und „Environments“, die spielerisch zwischen Konstruktionsprinzipien aller Maßstäbe, etwa zwischen kristallinen Geometrien und urbanen Denkräumen vermitteln. Letzteres geschieht, vielleicht mehr denn je, derzeit auf dem Dach des Metropolitan Museum of Art in New York, wo der in Deutschland lebende argentinische Künstler sein jüngstes Werk und zugleich eines seiner spektakulärsten realisiert hat. Für „Cloud City“ hat Tomás Saraceno dort 16 polygonale Module, ihrerseits aus Stahlstreben und gläsernen Flächen gefügt, zu einer knapp 20 Meter langen und rund neun Meter hohen Struktur zusammengesetzt. Für eine jeweils begrenzte Zahl von Museumsbesuchern betretbar, eröffnet Cloud City den Blick über den Central Park und die Skyline von Manhattan – ein eindrucksvolles Panorama, das die Gesamtkonstruktion gleichsam in einen Schwebezustand versetzt. Zur Destabilisierung im übertragenen Sinne trägt die Kombination durchsichtiger und opaker, spiegelnder Flächen bei, die der unregelmäßigen Form einen „Blurring“-Effekt verleiht, bezogen auf die eigentliche Geometrie wie auf das Verhältnis zwischen Stadt und Objekt: Skyline und Park spiegeln sich in der Oberfläche, werden Teil davon, beginnen zu kippen und sich in Facetten und Fragmenten zu einem neuen Bild zusammenzufügen. Nicht die Zersplitterung, sondern eben jenes Neuzusammenfügen darf als ein entscheidendes Moment bei Saraceno verstanden werden; es geht immer auch, wie er selbst sagt, um ein „web of relations“. Jede seiner Arbeiten ist so auch eine Option, die andere nicht ausschließt (Tomás Saracenos Mitte Januar zu Ende gegangene Überblicksausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin hieß „Cloud Cities“, im Plural). Cloud City, New York, wird noch bis zum 4. November im Iris and B. Gerald Cantor-Dachgarten des Metropolitan Museum of Art zu sehen und, abhängig vom Wetter, begehbar sein.
www.tomassaraceno.com