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Die aktuelle Ausgabe Current Issue

Editorial

Kulturelles Schaffen verlangt Haltung zum Begriff der Kontinuität. Unabhängig davon, ob individuelle Handlungen oder gesellschaftliche Strömungen tendenziell konservativ oder progressiv ausgerichtet erscheinen, gewinnen sie Konsistenz auch durch ihr Verhältnis zum Überlieferten, durch Fortführung, Revision oder bewussten Bruch. Der Begriff Roots verweist generell auf den Umgang mit diesem Überlieferten ebenso wie auf die Frage nach übergeordneten Gültigkeiten. Berührt sind Aspekte wie Tradition bzw. kulturelles Erbe, das Bedürfnis nach Kon­tinuität seinerseits als menschliche Konstante sowie Einfluss bzw. Konsequenz für das einzelne Werk. Berührt ist aber ebenso der Stellenwert einer möglichen Konsensfähigkeit von Gesellschaft, die heute weitaus fragmentierter und polyzentrischer als früher ­ist und gerade daraus sowohl spezifische Fol­geprobleme als auch neue Qualitäten entwickelt. Neben der Architektur, die als eine ­ver­gleichsweise „langsame“ Disziplin und in Tei­len gleichsam ihrem Selbstverständnis nach mit diesen Fragen umgeht, sind davon grundsätzlich alle gestalterischen Disziplinen betroffen, indem sie sich zwischen Blick zurück und Blick nach vorn verorten.

Als jemand, der über mehr als ein halbes Jahrhundert Architektur maßgeblich mitgeprägt hat, blickt Gottfried Böhm in dieser Ausgabe zurück auf seine beruflichen Anfänge und spricht über seine Herangehensweise an das Entwerfen skulpturaler Bauten sowie über sein Verhältnis zu Kollegen wie Oswald Mathias Ungers. Mit Giles Taylor, Design Director von Rolls-Royce, reden wir über die Designarbeit im Wechselspiel von Serie und Individualität, den Umgang mit heutigen Fra­­gen genereller Mobilität sowie die Bedeutung von – in diesem Fall britischer – Tradition. Letztere war zugleich Inspirationsquelle für die Fotografien, die der britische Mode- und Portraitfotograf Rankin rund um die Figur der „Spirit of Ecstasy“ entwickelte.

Martin Bergmann, Gernot Bohmann und Harald Gründl vom Designstudio Eoos erläutern im Gespräch ihren Ansatz der „Poetischen Analyse“, der insbesondere die Erkundung von Ritualen und kollektiven Bildern als Grundlage für zukunftsorientierte Entwür­fe einschließt. Die Arbeiten Mario Testinos stehen für das Werk eines Fotografen, der in mittlerweile rund drei Jahrzehnten eine eigene, heute vertraut gewordene Bildsprache mit­bestimmt und perfektioniert hat. Und mit Luca Nichetto kommt schließlich ein wei­terer Designer zu Wort, der mit Stu­dios in Venedig und Stockholm nicht nur süd- und nordeuropäische Einflüsse verbindet, sondern so auch gleichermaßen auf die zunehmende Überlagerung unterschiedlicher Strömungen wie eben damit auf das Fortbestehen regionaler Identitäten verweist.
 

Ralf Ferdinand Broekman