Current Issue

Die aktuelle Ausgabe Current Issue

Editorial

Spiritualität und Transzendenz verweisen auf die großen Fragen, also auf ein zutiefst menschliches Bedürfnis nach übergeordnetem Sinn und nach Verständnis des Unerklärlichen. Tatsächlich ist die Relevanz des Spirituellen in der modernen Gesellschaft nicht verschwunden, sie zeigt sich jedoch immer weniger in Form überlieferter, einigender Symbole als vielmehr in einer Wendung ins Private oder in Nischen parallel zu einem Verlust bzw. einer Diversifizierung eben jener Formen. Letzteres beraubt nicht nur Architektur und Kunst, die seit jeher auf unterschiedliche Weise ein über das Pragmatische Hinausgehendes einschließen, vermeintlicher Verlässlichkeiten und führt zur generellen Überprüfung der Kriterien bei der Suche nach einem Sinnhaften. Während etwa Religion zunehmend (wieder) zu einem politischen Konfliktbegriff umgedeutet wird, schließt die Auseinandersetzung mit Spiritualität Fragen nach gesellschaftlichen Werten, nach Ethik bzw. Moral ebenso ein wie jene nach dem konkreten Umgang mit traditionellen sowie mit möglichen neuen Orten der Spiritualität. Für die gestalterischen Disziplinen liegen darin die Gefahr der Beliebigkeit, Herausforderung und Potential zugleich.

 

Im einleitenden Essay dieser Ausgabe widmet sich Georg Seeßlen den Vorstellungen, kulturellen Bezügen und möglichen Missverständnissen, die an den Begriff von Spiritualität geknüpft sind, einschließlich der Differenz zwischen Spiritualität und Religion. Mit Rafael Moneo sprechen wir über funktionale Schönheit, das Sakrale in nicht-sakralen Gebäuden und die Privatheit des persönlichen Glaubens. Die beiden jungen Architekten Pieterjan Gijs und Arnout Van Vaerenbergh erläutern ihren wiederholten künstlerischen Umgang mit kirchlichen Typologien, der insbesondere auf die Desakralisierung der entsprechenden Orte und Symbole verweist. Weitaus grundsätzlicher erörtert Volkwin Marg in seinem Beitrag Transzendenz und Spiritualität als konstitutive Aspekte architektonischen Schaffens sowie den historischen Wandel der damit verknüpften Formen als Ausdruck jeweils gültiger gesellschaftlicher Auffassungen.

 

Der Bezug zwischen sozialen Strukturen und ästhetischen Konzepten kehrt auf andere Weise wieder in unserem Gespräch mit Tomás Saraceno, dessen künstlerisches Werk Installation und städtisches Modell ebenso verbindet wie realen Ort und Utopie. Mit Erwin Olaf, jüngst mit dem niederländischen Staatspreis für die Künste ausgezeichneter Fotograf, reden wir über Intimität und Verletzbarkeit, die Entleerung „großer Emotionen“ und das Politische des Persönlichen. Die ikonogra-fischen Fotografien Baron Wolmans schließlich führen zurück in die späten 60er-Jahre und stehen damit exemplarisch für eine gesellschaftliche Phase, in der politischer Aufbruch, popkulturelle Diffusion und eine in weiten Teilen mitgedachte Spiritualität wenigstens in spezifischen Ausformungen im Bestreben nach neuen, ganzheitlichen Lebensmodellen zusammenfanden. 


Ralf Ferdinand Broekman